ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN
Antipoden-Inseln
(Neuseeland)
Pazifischer Ozean
49° 41’ S | 178° 46’ O
ENGLISCH ursprünglich Isle Penantipote [›Penantipode-Insel‹]
21 km2 | unbewohnt
DIE SEHNSUCHT NACH EINEM HEIMLICHEN Doppelgänger, der auf der anderen Seite der Erde lebt, kopfüber, seine Füße unseren Füßen zugewandt, von der Schwerkraft an dieselbe Kugel gekettet. Unsere Gegenfüßler wohnen in den gleichen Längen, aber entgegengesetzten Breiten, ihre Jahreszeiten sind den unseren gegenüber, ihre Stunden verschoben: Unsere Antipoden haben Sommer, wenn wir Winter, und Mitternacht, wenn wir Mittag haben. Doch hier auf den Antipoden-Inseln leben keine Menschen; zwischen den Felsen lungern nur ein paar Seebären und Pinguine mit buntem Schopf. Das Land liegt dem Nullmeridian von Greenwich fast genau gegenüber, berechnet Captain Henry Waterhouse, als er auf dem Weg von Port Jackson nach England diese Inseln entdeckt. Ein gespiegelter Ort, denkt er, ein winziger Doppelgänger der Britischen Inseln. Seine Geburtsstadt London ist von hier so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol; und es wäre völlig egal, welche Route er dorthin nimmt. Weiter weg vom Zentrum der Welt kann er nicht sein. England und dieser Ort sind zwei Endpunkte desselben Kugeldurchmessers, eine gedachte Linie durch den Mittelpunkt der Erde. // Doch die Rechnung geht nicht auf. Seine Heimat sieht anders aus. Das Land hier ist bergig und baumlos, das Klima kalt, stürmisch und rau. Es fehlt die weiche Luft des Golfstroms. Die Rinder, die hergebracht werden, sterben schnell und still in der falben Steppe aus Gras. Und in den Höhlen der ausgefransten Küste verhallt ungehört das donnernde Echo der brechenden Wogen.
Mit freundlicher Genehmigung von Judith Schalansky und mareverlag, ©2009 mareverlag, Hamburg; ISBN 978-3-86648-683-6
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Die Crews an Bord der Rennyachten des Ocean Race rauschen an den entlegensten Inseln der Welt vorbei, ohne sie je zu betreten. Ob sie gerne einmal dort anlanden würden?
Mit ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ entführt uns Judith Schalansky zu Inseln „auf denen ich nie war und niemals sein werde“. Die Autorin erzählt die absurd-abgründigen Geschichten dieser Eilande, wie sie nur die Wirklichkeit sich auszudenken vermag.
Judith Schalansky hat mehrere ihrer Bücher selbst gestaltet und dafür Designpreise erhalten. So wurde sowohl ihr „Atlas der abgelegenen Inseln“ als auch „Der Hals der Giraffe“ mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst bedacht. 2021 stand ihr Buch „Verzeichnis einiger Verluste“ auf der Longlist für den International Booker Prize sowie auf der Longlist für den National Book Award. Judith Schalanskys Bücher sind in mehr als 25 Sprachen übersetzt.
© mareverlag, Hamburg
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