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Interview mit Gerd Blank, Sohn eines Seemanns
„Ich liebe diese Twilight Zone des Unterwegsseins.“

 

Das Reisen liegt Gerd Blank in den Genen. Von seiner mehrjährigen Tour durch Europa brachte er vielen Geschichten und noch mehr Dankbarkeit mit.

Gerd Blank

Gerd Blank

Der Sohn eines Seemanns hat mehrere Jahre mit dem Wohnmobil Europa bereist.

Kiel-Marketing: Als Jugendlicher habe ich einmal „Unterwegs“ von Jack Kerouac gelesen, in dem es um das Trampen durch halb Amerika geht, um das Gefühl, unangepasst und unterwegs zu sein. Du bist mit deinem Bulli drei Jahre lang 25.000 Kilometer durch Europa gefahren. Ging es dabei nur ums Unterwegssein?

Gerd Blank: Es ist eine Mischung aus vielem. Früher war es für mich eher Mittel zum Zweck. Ich wollte irgendwohin, egal wie, habe dort meine Zeit verbracht und dann ist man natürlich unterwegs. Inzwischen ist es so, dass häufig das Unterwegssein und die Bewegung der wichtigste Teil der Reise für mich ist. Meine Frau und ich haben zum Beispiel ein Ritual: Wenn wir ins Auto steigen, singen wir „On the Road again“. Das Unterwegssein an sich ist toll, weil man den ganzen Ballast hinter sich lässt. Man steigt ins Auto, weiß, dass man relativ wenig Zeug dabei hat und genießt genau das irgendwie. Derjenige, der auf dem Beifahrersitz sitzt, genießt es, links und rechts aus dem Fenster zu schauen. Man weiß nicht genau, was einen da vorne erwartet. All das, was vielleicht auch manchmal Stress macht, das lässt man hinter sich. Ich liebe diese Twilight Zone des Unterwegsseins.

Ist es eher ein Weg weg von etwas oder ein Weg hin zu etwas – etwas Neuem, Unbekannten?

Auch das hat sich verändert. Früher dachte ich, irgendwo ist es besser als da, wo ich herkomme. Es hat sich oft genug bestätigt, dass das Quatsch ist. Ich glaube, es ist einfach immer nur anders. Deshalb wird es für mich nie ein Weggehen sein, sondern eher ein Irgendwohin-Fahren. Etwas Neues sehen oder etwas Bekanntes wiedersehen.

Camper und Tulpen

Fahrt ihr mit bestimmten Zielen los oder lasst ihr euch auch einfach treiben?

(lacht) Also, offiziell würde ich sagen, dass wir immer schon ein Ziel haben. Aber wir haben auch oft genug festgestellt, dass es auf dem Weg dorthin immer wieder Abzweigungen gibt, die uns ganz woanders hinführen. Oder wenn wir den Wetterbericht checken, sagen wir bei miesen Aussichten, da ist es doch nicht so gut, lass uns mal rechts anstatt nach links fahren. Oder einmal haben wir eine Fähre von Sardinen zum spanischen Festland gebucht. Ich Idiot habe die Timings falsch gelesen.

Die Fähre fuhr nicht um 10 Uhr abends, sondern um 10 Uhr morgens. Wir haben die Überfahrt verpasst und uns spontan umentschieden: Statt nach Barcelona sind wir nach Livorno gefahren – und haben danach die geplante Reiseroute und das Ziel komplett geändert. Das machen wir ständig. Ein grobes Ziel ist allerdings immer da. Häufig geht es erstmal Richtung Süden. Wenn wir in den Schweizer Alpen sind, gucken wir uns an und überlegen, in welche Richtung es weiter geht: Fahren wir jetzt nach Italien weiter oder doch woanders hin?

„Es ist gut, mal kurz die Ecke auf dem Schiff zu wechseln, das Auto zu verlassen, tief durchzuatmen und dann zu versuchen, wieder gute Laune reinzubringen.“

Gerd Blank

Gerd Blank Die Campingbibel

Gerd Blank veröffentlichte u.a. zwei Camping-Ratgeber und ist Co-Host vom Podcast „Campermen“. 
www.campermen.de

Ihr seid total offen – zu zweit auf engstem Raum, wenn ihr im Bulli „on the road“ seid. Die Seglerinnen und Segler beim Ocean Race sind zu fünft an Bord. Da ist es ein wichtiges Thema, wie man miteinander auskommt, gerade wenn man länger auf See ist. Wie kommt ihr miteinander aus, wenn ihr unterwegs seid?

Wir sind ja nicht ins kalte Wasser gesprungen, wir sind ja schon lange Camper und haben uns an die Langstrecke herangetastet. Bevor wir in den Camper gezogen sind, waren wir regelmäßig rund 100 Tage im Jahr mit dem Wohnmobil unterwegs. Das das geht nur, wenn wir auch klare Regeln haben. Zum Beispiel beim Fahren. Derjenige, der fährt, schaut nicht nach Orten. Darum kümmert sich der Beifahrer, der klärt auch die Verpflegung unterwegs. Wenn einer konzentriert arbeiten muss, wird das vorher geklärt, wir fragen dann: Brauchst Du den Platz hier gerade? Dann lässt der andere denjenigen mit dem Job in Ruhe arbeiten. Da, wo wir keine Regeln hatten, haben wir das spielerisch gelöst. Zum Beispiel bei der Frage: Wer spült ab? Das haben wir mit „Vier gewinnt“ gelöst, ganz fair. Aber trotzdem gibt es auf so einer Reise auch mal Reibung, da darf man sich nichts vormachen. Der sogenannte Lagerkoller kommt auch bei erprobten Reisenden gerne mal vor. Oder es hat was mit schlechtem Wetter, einer schlechten Nachricht oder einfach einem schlechten Tag zu tun. Manchmal auch einfach, weil man blöd ist, weil man zum Beispiel den ganzen Tag auf der Straße war. Also bei mir stimmt dann manchmal der Spruch: Nach müde kommt blöd. Aber das Gute ist, dass wir so erprobt sind, dass wir wissen, dass das nur eine temporäre Geschichte ist. Wenn man sich gut kennt, man nicht alles so ernst nimmt, man ein paar Regeln hat, an die man sich versucht zu halten, dann funktioniert das ziemlich gut.

Rosalin Kuiper [Skipperin Holcim-PRB] hat uns in einem Interview gesagt, dass es unglaublich wichtig sei, sich selbst zu einer positiven Grundhaltung anzuhalten und auch gute Laune zu versprühen, gerade weil zur Enge an Bord auch die physische und mentale auf hoher See Anstrengung hinzukommt.

Bei uns ist das ein bisschen einfacher, denn wir können ja einfach irgendwo halten und kurz Luft schnappen oder uns auch voneinander entfernen. Ich glaube, wenn man immer seinen eigenen Quatsch im Kopf sofort ausbreitet, die unreflektierten und miesepetrigen Gedanken immer gleich äußert und dem anderen überkübelt, ist das keine gute Idee. Es ist gut, mal kurz die Ecke auf dem Schiff zu wechseln, das Auto zu verlassen, tief durchzuatmen und dann zu versuchen, wieder gute Laune reinzubringen. Das positive Resultat beim Gegenüber ist sofort spürbar, wenn man in stressigen Situationen sagt: „Hey, wird schon“ oder ein bisschen albern mit Fehlern umgeht. Gerade heute habe ich zum Beispiel versucht, einen Smoothie zu machen – und dabei vergessen, den Deckel zuzuschrauben. Der ganze Saft ging über die Bühne! Die Küche sah schlimm aus. Dennoch musste ich erst mal lachen. Meine Frau auch, dann ist sie kopfschüttelnd rausgegangen und ließ mich putzen. Alles zu ernst zu nehmen, ist glaube ich keine gute Idee.

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„Der Ort, das sind erstmal wir. Das war auch schon in den letzten Jahren so, bevor wir diese drei Jahre unterwegs waren.“

Gerd Blank

Das hört sich gut an! Was waren denn die eindrücklichsten Erlebnisse unterwegs? Gab es etwas, das dich so beeindruckt hat, dass du es mit in deinen Alltag nimmst?

Das ist eine interessante Frage. Ich dachte, wenn ich wiederkomme, habe ich ganz viele Anekdoten und Berichte von Orten, die ich mitbringen werde. Hier der Berg, dort der See und woanders der Wald. Ja, solche Sachen kann ich natürlich erzählen, aber diese Geschichten sind es gar nicht, die ich in meinem Kopf habe.

Ich glaube, ich habe vor allem zwei Sachen mitgebracht. Zum einen ist das eine unglaubliche Dankbarkeit und Demut. Dieses Glück zu haben, dieses Leben leben zu können. Und das Zweite ist, dass ich mich auch menschlich durch meine lange Reise massiv verändert habe. Meine Erwartungshaltung, dass draußen alles für mich bereit liegt und ich jetzt nur noch zugreifen muss, ohne eigenes Zutun, das hat sich komplett verändert.

Wenn ich mir wünsche, dass Menschen fröhlicher, freundlicher, gesellschaftlich aktiver sind und mehr an das Miteinander denken sollen, dann muss ich da meinen Teil dazu beitragen.

Wenn ich zum Beispiel im Ausland in lokalen Läden einkaufen möchte, einen Weg finden muss, ein Problem mit meinem Auto habe oder zum Arzt muss, dann bin ich der Bittsteller. Ich bin der Fremde aus dem Ausland, der etwas braucht, damit es mir besser geht. Und das bezahle ich nicht nur mit Geld, sondern auch mit Freundlichkeit, Respekt, Wertschätzung und Dankbarkeit. Und dieses Mindset habe ich von der Reise mitgebracht. Ich gehe jetzt in Deutschland auch anders auf Leute zu und betrachte nicht mehr alles als selbstverständlich. Ich bin fröhlicher, lächle fremde Leute an, helfe auch mal schneller. Ich glaube, diese positive Einstellung zum Leben ist das Elementare, was ich mitgenommen habe.

Menschen Kiellinie

Das physische Unterwegssein ist das Eine. Aber wie ist es zu Hause, bist du dann auch im Kopf immer noch unterwegs? Bist du ein unruhiger Geist?

Ja, ich kenne das aber auch schon vorher durch meinen Job. Ich bin seit über 25 Jahren als Journalist tätig. Davor habe ein anderes Leben gelebt, in anderen Bereichen gearbeitet. Ich langweile mich schnell. Ich sammle gerne immer wieder neue Erfahrungen, um nicht auf einem Level stehen zu bleiben. Es gibt so viel zu lernen und so viele schöne Sachen da draußen. Ich bin zwar in einem Alter, in dem ich nicht mehr in jeden Club reinkomme oder auch nicht mehr gehen sollte, ich möchte aber am Ball bleiben. Ich lebe und arbeite gerne mit jüngeren Leuten zusammen. Wie sprechen die? Wo holen die sich Informationen? Wie bilden die sich? Da stürze ich mich immer wieder aufs Neue in Abenteuer und setze auch viel für mich selbst um. Mit voller Leidenschaft mache ich Podcasts, nutze beruflich wie privat Social Media oder beobachte Dienste wie TikTok. Und ich bin für verschiedene Kunden auch beruflich an vielen Orten unterwegs, mit ganz unterschiedlichen Themen und Darreichungsformen. Wenn ich mich verändere, habe ich keine Angst, irgendwas hinter mir zu lassen. Aber ich möchte dabei auch keine Brücken verbrennen. Bei allem, was ich mache, möchte ich niemals denken, dass es hinter mir doof war, sondern dass es mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin. Mein Lebensmotto ist: Unterwegs sein im Innen und Außen.

Wahrscheinlich fällt beides zusammen. Du hast mal gesagt, dass ihr auf Reisen immer eine Lichterkette und zwei Weihnachtskugeln dabeihabt. Die hängt ihr dann an eine Palme oder an ein paar Äste. Für viele wäre es unvorstellbar, Weihnachten nicht zu Hause zu sein. Ihr habt also doch immer noch ein Stück zu Hause, das ihr mitnehmt?

Absolut. Dadurch, dass wir beide so unruhige Geister sind, haben wir dieses Zuhause-Gefühl nicht so sehr. Dass man zu einem Ort fährt, in dem man schon als Kind die Zeit verbracht hat, wo man sich mit den Leuten trifft, die man aus seiner Kindheit kennt, das haben wir beide nicht. Wir haben zwar noch Menschen in unserem Leben von früher, aber da ist nicht dieser eine Ort. Da sind wir ein bisschen freier. Wir haben uns gesagt „Hey, dann müssen wir den Ort halt kreieren und mitnehmen, egal wo wir sind.“ Der Ort, das sind erstmal wir. Das war auch schon in den letzten Jahren so, bevor wir diese drei Jahre unterwegs waren. Wir haben Weihnachten, diese winterliche, besinnliche Zeit, gerne woanders verbracht. Ob in Thailand oder Brasilien – wir haben uns überall mal ein schönes Tuch als Tischdecke und etwas Licht mitgenommen, was uns dann in der Fremde unsere Heimat gebaut hat. Wir brauchen es nicht unbedingt, aber es ist trotzdem schön, so einen Anker zu haben.

Gerd im Camper
Logo

Bei „Gruß an Bord“ können seit 1953 an Heiligabend Angehörige von Seeleuten Weihnachtsgrüße an Besatzungen weltweit schicken.

Das kann ich gut verstehen. Ende letzten Jahres hast du ein paar Texte veröffentlicht, in denen es um deinen Vater ging, der viele Jahre als Steuermann zur See gefahren ist und dann irgendwann in Hamburg Anker geworfen hat. An Weihnachten habt ihr andächtig gemeinsam „Gruß an Bord“ gehört. Tränen waren zu Hause tabu, dein Vater hat stattdessen immer gekichert …

(Gerd macht das Kichern leise lächelnd nach) … ja … so …

Hast du das Gefühl, dass dir dieses Unterwegssein in den Genen steckt?

 … möglich. Es kann sein, dass diese Unruhe in meinen Genen steckt. Und wie mich Menschen in meinem Umfeld geprägt haben und mit bestimmten Themen umgegangen sind. Die Geschichten, die wir als Kind gelesen haben, waren Abenteuergeschichten. Mein Vater hat uns gerne auch so was wie „Die Schatzinsel“ hingelegt oder vorgelesen. Wenn er von anderen Ländern erzählte, veränderte sich seine Stimme, er redete anders, als wenn er vom Alltag sprach. Seine glänzenden Augen … Die Geschichten aus anderen Welten sind so wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern. Das sage ich jetzt als Erwachsener, als Kind habe ich das so nicht realisiert. Jetzt bin ich begeistert, wenn jemand von anderen Welten erzählt und mit Dankbarkeit und Demut zurückkommt. Wir leben in einer schwierigen Zeit, wo plötzlich Themen wie Ausgrenzung und Einigelung hochkommen, wo alles Fremde komisch oder sogar schlecht ist. Ich bin so nicht aufgewachsen, bei uns ist es eher so gewesen, dass das Andere eine Bereicherung ist. Dass andere Gedanken und Kulturen das Miteinander besonderer machen und stärken können. Vielleicht ist es also bei mir eine Mischung aus Genen und Erlebtem.

„Egal wo du herkommst, egal wer du bist, egal welche Sprache du sprichst, wir sind ein Team und wir achten aufeinander“. 

Gerd Blank

Dein Vater war oft lange auf See, beim Ocean Race sind es mehrere Monate, beim Ocean Race Europe sechs Wochen mit verschiedenen Stopps, bei der Vendée Globe 2024/25 war der Sieger Charlie Dalin 64 Tage allein auf See, die nachfolgenden Boote noch länger. Könntest du so allein unterwegs sein?

Inzwischen könnte ich das. Ich kann gut mit mir alleine sein. Ich habe das auch gemacht, als ich ein Buch geschrieben habe. Ich brauche allerdings nicht so eine Phase, in der ich mich frage, wer ich eigentlich bin. Aber mit einer Aufgabe kann ich mir das schon vorstellen. Ich bin aber eher ein Mensch, der solche Abenteuer gerne in der Gemeinschaft macht und erlebt – mit einer Aufgabenverteilung. Gerade auf einem Boot, wo es klare Ansagen gibt, kann ich mir das gut vorstellen. Dann gibt es auch keine Diskussion, wenn es einmal schwierig wird. So was kann ich mir extrem gut vorstellen, auch über einen längeren Zeitraum. Das ist ja auch das, was mein Vater gemacht hat. In seiner Rolle kannte er seine Aufgaben, auch in einer Notsituation. Dann heißt es „Alle Mann an Deck“. Das geht dann zack, zack und danach springen alle wieder in ihre normalen Aufgaben rein. Klasse. Das ist so ein Bonding, was da passiert. Dieses „Egal wo du herkommst, egal wer du bist, egal welche Sprache du sprichst, wir sind ein Team und wir achten aufeinander“. Das hilft am Ende des Tages ja auch mir, wenn ich auf dich achte, weil du dann morgen wieder deine Aufgabe erfüllen kannst.

Auf einem Boot sind die Rollen klar verteilt. Im beruflichen Kontext gibt es zunehmend auch andere Ansätze, hierarchiefrei, viel Mitbestimmung, Transparenz. Ist diese klare Rollenverteilung heute noch zeitgemäß?

Ach, mir ist es doch egal, ob das zeitgemäß ist oder nicht. Einige Dinge können nicht funktionieren, wenn niemand das Kommando übernimmt und jeder Schritt diskutiert wird. Ich glaube, in bestimmten Situationen muss es eine Hierarchie geben. Das heißt aber nicht, dass in normalen Situationen immer derjenige, der das Kommando hat, nicht auch mal einen Schritt zurücktreten darf. Es kommt auf die Aufgabe an. Ich glaube, die großen Sachen wurden nur entwickelt, weil irgendein Visionär Entscheidungen getroffen hat. Generell bin ich total demokratisch veranlagt und jeder hat ein Mitbestimmungsrecht, aber es muss der richtige Zeitpunkt dafür sein – und der ist ganz bestimmt nicht bei einer Regatta.

Im Team Malizia gab es beim Ocean Race neben Boris Herrmann zwei Co-Skipper, Rosalin Kuiper und Will Harris. Rosalin wird nun beim Ocean Race Europe Skipperin des Teams Holcim-PRB.

Toll. Das ist ja quasi eine Beförderung, da muss sie wie jeder andere aber auch bestehen. Das heißt, sie muss dann auch beweisen, dass dieses Mandat bei ihr in den richtigen Händen ist. Und wenn es nicht funktioniert, wird sie dann wieder Skipperin sein? Aber für die persönliche Entwicklung ist es wichtig, mit Aufgaben vertraut zu werden. Die Frage ist nur, was ist, wenn du nicht gesehen wirst. Wenn du beim Fußballspielen in der Schule immer der Letzte bist, der gewählt wird, ist das natürlich auch doof. Das heißt, wie bringt man sich in diese Wahl? Man muss manchmal vielleicht auch ein bisschen lauter, ein bisschen extrovertierter sein als andere. Ich glaube, nur mit Leistung wird es nicht immer funktionieren. Leider.

Boris Herrmann

Mehr zu den Teams des Ocean Race Europe:

The Race / Teams

Gerd Blank im Camper

Es geht darum, seinen Platz zu finden und ihn dann auch einzufordern. Hilft dir das Unterwegssein dabei, deinen Platz im Leben zu finden?

Ja und Nein. Dieser unruhige Geist, von dem wir vorhin gesprochen haben, der ist noch da, aber ich kann ihn besser einordnen. Mein Platz im Leben ist mehr in mir. Ich bin sicherer mit mir selber. Es hat nichts mit dem Ort zu tun. Es hat eher mit dem Umfeld und mit den Menschen zu tun, mit denen ich meine Zeit verbringen möchte oder die ihre Zeit mit mir verbringen wollen. Man trifft ja immer eine Entscheidung. Manchmal geht man weg, obwohl man es menschlich eigentlich gar nicht möchte. Aber mit den Menschen, die in meinem Umfeld geblieben sind, bin ich im Vergleich zu früher intensiver. Das ist etwas, was sich verändert hat und das ist mein Platz. Das Unterwegssein hat dieses Zuhause, das Ankommen, das Andocken doch massiv verstärkt.

Kannst du eigentlich „zu Hause“? Wird der Bulli irgendwann verkauft?

Im Moment haben wir gar keinen Bulli mehr. Und ich kann zu Hause, sehr gut sogar. Aber es ist nicht so, dass ich immer zu Hause sein möchte. Der Winter in Deutschland ist für mich wirklich eine Qual. Ich mag den Dezember, aber ich hasse den November und den Februar. Das heißt also, wir werden sicherlich einen Platz haben, wo unser Lebensmittelpunkt ist – und den Winter dann dort verbringen, wo uns das Klima besser gefällt. Es muss gar nicht Südamerika, Australien oder Südafrika sein. Gar nicht, haben wir alles schon gesehen. Einfach nur irgendwo, wo wir ein bisschen Sonnengarantie haben und auch im Dezember mal ins Wasser springen können. Zum Beispiel auf Sardinien, da hatten wir auch die Lichterkette um eine Palme gewickelt.

Den Anker irgendwo zu werfen bedeutet also nicht, dass man sich dort ständig aufhalten muss?

Die Cap San Diego oder die Rickmer Rickmers in Hamburg fahren manchmal raus und kommen wieder zurück. Sie wollen zeigen, dass sie es noch können, und sagen: Hey, wir könnten noch eine große Tour machen. Ich habe nur Tattoos aus dem maritimen Bereich, auch die Rickmer Rickmers prangt auf meinem Arm. Für mich sind das Symbole des Unterwegsseins, des Draußenseins, des Wassers, das dich irgendwohin bringt. Den Mut zu haben, loszufahren, dich treiben zu lassen, auf der Welle zu bleiben oder wenn die Welle kommt, geschickt darunter durchzutauchen und dann trotzdem weiterzumachen. Nichts symbolisiert das besser als die Seefahrt. Ich bin irgendwie ein Seemann an Land, mein Herz schlägt mit dem Wasser.

Gerd Blank hat mehrere Jahre mit dem Wohnmobil Europa bereist und dort gearbeitet, wo andere Menschen Urlaub machen. Das Unterwegssein liegt dem Sohn eines Seemanns im Blut. Seit vielen Jahren schreibt der Journalist und Autor für Magazine über Technologien und Outdoor-Themen. Er veröffentlichte zudem zwei Camping-Ratgeber und ist Co-Host vom Podcast „Campermen“. 

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