ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN
Amsterdam
(Frankreich)
Indischer Ozean
37° 50’ N | 77° 33’ O
FRANZÖSICH Île Amsterdam
auch Nouvelle Amsterdam [›Neu-Amsterdam‹]
58 km2 | 25 Bewohner
ALFRED VAN CLEEF wollte unbedingt hierher. Auf die Insel, die den Namen seiner Geburtsstadt trägt, zu dem Ort, der seinem Gefühl entspricht. Die Überfahrt dauerte nur ein par Wochen, das Ringen um die Genehmigung seines Besuchs acht Jahre. // Weil niemand hier siedeln darf, wechseln sich die Missionen der Forschungsstation ab. Einige der Männer bleiben nur ein paar Monate, die meisten anderthalb Jahre.// Am Strand heulen die Pelzrobbenmännchen. Die Bullen kämpfen um die Weibchen, die in ein paar Tagen eintreffen werden. Die Sieger besetzen die besten Plätze am Ufer. Ein Boot gibt es nicht. Wo sollte man damit auch hin? Dieser Ort ist ein verirrtes Stückchen Frankreich, ein Kreuz im blauen Nirgendwo auf den vielen Weltkarten, die an den Wänden kleben – neben ein paar Bildern von Albatrossen und Unmengen von Postern mit nackten Busen und entblößten Schößen. // Im Speisesaal der Großen Raubmöwe sagt ihm der Distriktchef nach dem Abendessen: Es gibt keine Isolation. Auch auf Amsterdam sind wir Rädchen in einem riesigen Getriebe, auch hier empfangen wir Signale, die uns offenbaren, wer wir sind. Nach eigener Auskunft ist er Fantast, Arzt und Berufssoldat – in dieser Reihenfolge. Sein Büro ist das einzige Zimmer ohne Pin-ups an der Wand. Auf seinem Schreibtisch liegt das Personenstandsregister. Leere Spalten verraten, dass hier noch niemand geheiratet oder ein Kind geboren hat. Jedem, der länger als ein Jahr auf Amsterdam bleibt, wird vom Gesundheitsbeauftragten der Südgebiete bescheinigt, dass er diesem Ort gewachsen ist: dem lang anhaltenden Freiheitsentzug und der abgeschotteten, rein maskulinen Umgebung. Keine Frau war hier länger als zwei Tage zu Besuch.// In der Nacht treffen sich die Männer im kleinen Videosaal und schauen einen Film aus der selbst verwalteten Pornosammlung. Jeder besetzt eine Reihe ganz für sich. Aus den Lautsprechern keucht und stöhnt es. Alfred van Cleef geht hinaus. Der Himmel ist voller Sterne und die Luft schwer vom Moschusgeruch der brünstigen Bullen. Bevor er einschläft, notiert er: Nichts ist befreiender als selbstgewählte Einsamkeit.
Mit freundlicher Genehmigung von Judith Schalansky und mareverlag, ©2009 mareverlag, Hamburg; ISBN 978-3-86648-683-6
~~~
Die Crews an Bord der Rennyachten des Ocean Race rauschen an den entlegensten Inseln der Welt vorbei, ohne sie je zu betreten. Ob sie gerne einmal dort anlanden würden?
Mit ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ entführt uns Judith Schalansky zu Inseln „auf denen ich nie war und niemals sein werde“. Die Autorin erzählt die absurd-abgründigen Geschichten dieser Eilande, wie sie nur die Wirklichkeit sich auszudenken vermag.
Judith Schalansky hat mehrere ihrer Bücher selbst gestaltet und dafür Designpreise erhalten. So wurde sowohl ihr „Atlas der abgelegenen Inseln“ als auch „Der Hals der Giraffe“ mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst bedacht. 2021 stand ihr Buch „Verzeichnis einiger Verluste“ auf der Longlist für den International Booker Prize sowie auf der Longlist für den National Book Award. Judith Schalanskys Bücher sind in mehr als 25 Sprachen übersetzt.
© mareverlag, Hamburg
Artikelrechte erwerben